Das Prager Tagblatt

Das Prager Tagblatt entwickelte sich nach 1900 zu einer der aufregendsten und hochkarätigsten Tageszeitungen Europas.
Es beschäftigte einige der berühmtesten Feuilletonisten der Zeit:
Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Alfred Polgar, Anton Kuh, Max Brod, Alfred Döblin und viele andere. Außerdem verfügte es über exzellente Auslandskorrespondenten und veröffentlichte andere große Feuilletons befreundeter Redaktionen, u.a. Texte von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Sling und Victor Auburtin.

Seit einigen Jahren stellt die Wiener Nationalbibiliothek die Ausgaben im Netz zur Verfügung. Der Blog dokumentiert Entdeckungen, die mir beim Stöbern aufgefallen sind und die vielleicht auch andern Literaturfreunden Spaß machen - denn der größte Teil der Texte ist nie in Buchform erschienen bzw. nur noch schwer zu erreichen.

Das gerühmte Feuilleton nach 1900 steht dabei im Zentrum dieser Anthologie - aber ich werde natürlich auch auf bemerkenswerte Meldungen aller Jahrgänge und interessante Artikel des 19. Jahrhunderts aufmerksam machen.

Freitag, 10. Juli 2009

Heinrich Mercy: Pränumerations-Einladung (1877)

Obwohl hier das PT vor 1900 nur eine untergeordnete Rolle spielen soll, da sich seine epochale Qualität erst ab der Jahrhundertwende herauskristallisiert , gibt es doch auch zuvor schon interessante Dokumente zu entdecken. Obwohl zu diesem Zeitpunkt die Neue Freie Presse noch weitaus besser ist, kann doch
das 1876 gegründete PT ungewöhnlich schnell mit seinem witzigen, frechen Stil punkten - besser
als jede andere Zeitung der Moderne, vielleicht vom Berliner Tageblatt abgesehen.
Der Herausgeber selbst ist überrascht und teilt nach dem ersten Vierteljahr den Lesern stolz mit:

Es ist dem Tagblatt geglückt, sich einen nach vielen Tausenden zählenden Leserkreis zu sichern, eine Verbreitung zu gewinnen, wie sie kein anderes Journal in so kurzer Zeit erzielt hat.

Angekündigt werden Rubriken, die auch noch 50 Jahre später existieren: "Vom Tage", "Aus dem Gerichtssaal" , und die Ankündigung "Dem Feuilleton wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet" ist eine der wenigen Situationen in der europäischen Verlagsgeschichte, in der eine Zeitung ihren Lesern etwas vollmundig vespricht - um es auch tatsächlich einzulösen.

Fast mit feierlicher Rührung könnte man diese "Einladung" lesen, wäre da nicht die etwas peinliche Anpreisung des "interessanten Originalromanes Verdorbene Herzen"

Ausgabe vom 1.4.1877 , Seite 1

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