Das Prager Tagblatt

Das Prager Tagblatt entwickelte sich nach 1900 zu einer der aufregendsten und hochkarätigsten Tageszeitungen Europas.
Es beschäftigte einige der berühmtesten Feuilletonisten der Zeit:
Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Alfred Polgar, Anton Kuh, Max Brod, Alfred Döblin und viele andere. Außerdem verfügte es über exzellente Auslandskorrespondenten und veröffentlichte andere große Feuilletons befreundeter Redaktionen, u.a. Texte von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Sling und Victor Auburtin.

Seit einigen Jahren stellt die Wiener Nationalbibiliothek die Ausgaben im Netz zur Verfügung. Der Blog dokumentiert Entdeckungen, die mir beim Stöbern aufgefallen sind und die vielleicht auch andern Literaturfreunden Spaß machen - denn der größte Teil der Texte ist nie in Buchform erschienen bzw. nur noch schwer zu erreichen.

Das gerühmte Feuilleton nach 1900 steht dabei im Zentrum dieser Anthologie - aber ich werde natürlich auch auf bemerkenswerte Meldungen aller Jahrgänge und interessante Artikel des 19. Jahrhunderts aufmerksam machen.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Arthur Holitscher: Die Stirn Monte Carlos (1914)

Bemerkenswerter Druckfehler: Das PT scheibt Holischer. Kannte die Redaktion ihn so wenig, oder war das eine zufällige Flüchtigkeit? Dabei hatte der renommierte linksorientierte Reiseschriftsteller bereits 1912 einen Bestsellererfolg zu verzeichnen: "Amerika heute und morgen."
Diese scharfsichtige, bitterböse, in einigen Passagen fast expressionistisch anmutende Beschreibung der Spielhöllen von Monte Carlo erschien denn auch nicht als Originalreportage, sondern als Übernahme (wie das PT selbst vermeldet) aus dem "Neuen Merkur", einer belletristischen Monatszeitschrift. Holitscher bleibt im PT ein seltenener Gast.

"Nirgends darf [sich] der mißbrauchte Mensch so verworfen fühlen wie hier. Nirgendwo kommt unter der Larve der Gottähnlichkeit so deutlich und stechend das Zeichen des Werkzeugs, der Unterschiebung, des endgültigen Vernichtetseins zum Vorschein. Aus Seide und unter Geschmeiden hervor starrt das hoffnungsbarste Gesicht in den herrlichen, durch das Teufelsmal geschändeten Süden aus Blau und Gold hinein."

Ausgabe vom 5. April 1914, Seite 1

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