Das Prager Tagblatt

Das Prager Tagblatt entwickelte sich nach 1900 zu einer der aufregendsten und hochkarätigsten Tageszeitungen Europas.
Es beschäftigte einige der berühmtesten Feuilletonisten der Zeit:
Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Alfred Polgar, Anton Kuh, Max Brod, Alfred Döblin und viele andere. Außerdem verfügte es über exzellente Auslandskorrespondenten und veröffentlichte andere große Feuilletons befreundeter Redaktionen, u.a. Texte von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Sling und Victor Auburtin.

Seit einigen Jahren stellt die Wiener Nationalbibiliothek die Ausgaben im Netz zur Verfügung. Der Blog dokumentiert Entdeckungen, die mir beim Stöbern aufgefallen sind und die vielleicht auch andern Literaturfreunden Spaß machen - denn der größte Teil der Texte ist nie in Buchform erschienen bzw. nur noch schwer zu erreichen.

Das gerühmte Feuilleton nach 1900 steht dabei im Zentrum dieser Anthologie - aber ich werde natürlich auch auf bemerkenswerte Meldungen aller Jahrgänge und interessante Artikel des 19. Jahrhunderts aufmerksam machen.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Gina Kaus: Logik (1927)

Eine der emanzipiertesten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Ihr Markenzeichen: von sexuellen Tabus und diffizilen Problemen zwischen Mann und Frau in einem damals aufzeizenden, fast nonchalanten Plauderton zu reden. Damit hatte sie Erfolg, und das machte sie bei den Nazis so verhaßt, daß sie 1933 sofort auf die Schwarze Liste kam und ihre Bücher auf dem Opernplatz verbrannt wurden.
In dieser Sonntagsausgabe gibt das PT Geschichten zum Thema "Liebe" heraus, und da wurde natürlich auch die seit etwa einem Jahr erfolgreiche Gina Kaus mit einbezogen. Ihre "Logik" wirkt bis heute verstörend, auch hier macht sie das Experiment, die Akteure von hochemotionalen Dingen wie Philosophiedozenten plaudern zu lassen - ganz im Sinne der Neuen Sachlichkeit.

"Aber ich liebe sie ganz anders als dich!"
Sie dachte eine Weile nach, ob aus diesem "anders" eine Beruhigung zu ziehen sei, und fragte dann:
"Liebst du sie ebenso wie mich?"
Es gehört zu den Interessen der modernen Naturphilosophie, die Qualität in Quantität umzurechen. In seinem Interesse aber lag dies keineswegs, ja er wollte sich nicht einmal vor das Problem stellen lassen.

Ausgabe vom 06.2.1927, Sonntagsbeilage "Aber die Liebe", S. I

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