Das Prager Tagblatt

Das Prager Tagblatt entwickelte sich nach 1900 zu einer der aufregendsten und hochkarätigsten Tageszeitungen Europas.
Es beschäftigte einige der berühmtesten Feuilletonisten der Zeit:
Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Alfred Polgar, Anton Kuh, Max Brod, Alfred Döblin und viele andere. Außerdem verfügte es über exzellente Auslandskorrespondenten und veröffentlichte andere große Feuilletons befreundeter Redaktionen, u.a. Texte von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Sling und Victor Auburtin.

Seit einigen Jahren stellt die Wiener Nationalbibiliothek die Ausgaben im Netz zur Verfügung. Der Blog dokumentiert Entdeckungen, die mir beim Stöbern aufgefallen sind und die vielleicht auch andern Literaturfreunden Spaß machen - denn der größte Teil der Texte ist nie in Buchform erschienen bzw. nur noch schwer zu erreichen.

Das gerühmte Feuilleton nach 1900 steht dabei im Zentrum dieser Anthologie - aber ich werde natürlich auch auf bemerkenswerte Meldungen aller Jahrgänge und interessante Artikel des 19. Jahrhunderts aufmerksam machen.

Freitag, 10. Juli 2009

Anomym: Geheimnisse der Berliner Nacht (1923)

Diese Sonntagsreportage führt uns direkt ins turbulente Sex-Nachleben Berlins während der Inflation. Die Reporter des PT sind wieder mal spitze - hier hat man das Gefühl, ganz dicht dran zu sein; fast wähnt man sich in einer Zeitmaschine.
Alles nicht sehr erotisch - aber die Beschreibung erinnert an Brecht:

"Dann kommt der Betrieb knarrend in Gang. Im Küchenvorraum jazzt ein verstimmtes Pianino los, und durch den Vorhang tanzen zwei Mädchen herein.(...) Es gibt zwei feststehende Moden des heimlichen Nackttanzes. Eine dekorative, die aus einer Sumurun-Hose [nach den malerischen Kostümen des gleichnamigen Lubitsch-Films, M-K.] aus Gaze besteht, wozu dann die roten Hände stilisiert über der flatterhaften Brust gekreuzt bleiben. Und eine ganz und gar verworfene..."

Ausgabe vom 28. 1. 1923, Seite 3


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