Das Prager Tagblatt

Das Prager Tagblatt entwickelte sich nach 1900 zu einer der aufregendsten und hochkarätigsten Tageszeitungen Europas.
Es beschäftigte einige der berühmtesten Feuilletonisten der Zeit:
Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Alfred Polgar, Anton Kuh, Max Brod, Alfred Döblin und viele andere. Außerdem verfügte es über exzellente Auslandskorrespondenten und veröffentlichte andere große Feuilletons befreundeter Redaktionen, u.a. Texte von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Sling und Victor Auburtin.

Seit einigen Jahren stellt die Wiener Nationalbibiliothek die Ausgaben im Netz zur Verfügung. Der Blog dokumentiert Entdeckungen, die mir beim Stöbern aufgefallen sind und die vielleicht auch andern Literaturfreunden Spaß machen - denn der größte Teil der Texte ist nie in Buchform erschienen bzw. nur noch schwer zu erreichen.

Das gerühmte Feuilleton nach 1900 steht dabei im Zentrum dieser Anthologie - aber ich werde natürlich auch auf bemerkenswerte Meldungen aller Jahrgänge und interessante Artikel des 19. Jahrhunderts aufmerksam machen.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Fritz Heller: Bei Gerhard Hauptmann (1901)

"Wer aber diese wundervolle Stirne und dieses herrliche wilde Feuer in seinen Augen nicht gesehen hat, der kann sich keine Vorstellug von dem Äußeren des Dichters machen. Es bietet einen unvergleichlichen Genuß, ihm während des Sprechens in die Augen zu sehen!"
Interviews in der heutigen Form gab es noch nicht, Gespräche zeichnete man a la Eckermann auf, mit den oft sehr überflüssigen Kommentaren und Eindrücken des Interviewers. Der Text ist eine merkwürdige Mischung aus muffigem Biedermeier und Moderne: Inhaltlich war es damals durchaus noch kühn, Figuren wie Hauptmann und Klinger als Ikonen der Moderne auszurufen, wie es der Schreiber völlig distanzlos tut - aber die fast religios-fanatische, ja wurmhafte Anschleimung an den Dichter Hauptmann wirkt aus heutiger Sicht peinlich.
Eklig auch die Anbiederung an die Prager Leserschaft.
Kein großer text also, aber ein typisches Zeitdokument mit immerhin ein paar Äußerungen von Hauptmann, die nur hier zu finden sind.

"...mir aber war zu Muth, wie es dem Gläubigen sein mag, wenn er aus der Andacht geht."

Ausgabe vom 3.3. 1901, Seite 1

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