Das Prager Tagblatt

Das Prager Tagblatt entwickelte sich nach 1900 zu einer der aufregendsten und hochkarätigsten Tageszeitungen Europas.
Es beschäftigte einige der berühmtesten Feuilletonisten der Zeit:
Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Alfred Polgar, Anton Kuh, Max Brod, Alfred Döblin und viele andere. Außerdem verfügte es über exzellente Auslandskorrespondenten und veröffentlichte andere große Feuilletons befreundeter Redaktionen, u.a. Texte von Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Sling und Victor Auburtin.

Seit einigen Jahren stellt die Wiener Nationalbibiliothek die Ausgaben im Netz zur Verfügung. Der Blog dokumentiert Entdeckungen, die mir beim Stöbern aufgefallen sind und die vielleicht auch andern Literaturfreunden Spaß machen - denn der größte Teil der Texte ist nie in Buchform erschienen bzw. nur noch schwer zu erreichen.

Das gerühmte Feuilleton nach 1900 steht dabei im Zentrum dieser Anthologie - aber ich werde natürlich auch auf bemerkenswerte Meldungen aller Jahrgänge und interessante Artikel des 19. Jahrhunderts aufmerksam machen.

Sonntag, 12. Juli 2009

Alfred Kerr: Gespensterzeit (1920)

Kein originaler Text, sondern eine Übernahme aus dem nicht weniger guten und weltberühmten Berliner Tageblatt. Warum nehme ich ihn trotzdem auf?
Weil zum einen Berlin im Gegensatz zu Wien einen erschütternden Dornröschenschlaf träumt, wenn es um das große demokratische Zeitungserbe geht - eine Digitalisierung der Zeitungen von Weltruf wie dem Berliner Tageblatt ist noch lange nicht in Sicht (Dafür hat man das Mindener Kreisblatt digitalisiert. Tucholsky wäre begeistert gewesen...) - also kann man der Prager Redaktion noch 80 Jahre später für solche Übernahmen dankbar sein.
Zum andern zeigen die Übernahmen den Horizont der PT-Redaktion und deren radikaldemokratische Gesinnung - ihr Auswahl-Geschmack ist bis heute bestechend gut.

Kritiker Kerr gibt sich in diesem wichtigen Artikel erstaunlich politisch - mit fast Ossietzkyscher Schärfe beklagt er den Triumph der Reaktion nur zwei Jahre nach der Novemberrevolution 1918.

"Wie kommt es, daß fast alle, die etwas im Sinn der weltbessernden ("zersetzenden") Idee gewollt haben, tot sind, auf der Flucht zerknallt, zermatscht - und daß von den Übelsten, Unabkömmlichsten der Kriegsbantrotteure das große Wort geführt wird? Als hätten sie nicht hunderttausend Leichen und den Sturz eines Landes auf dem Kerbholz."

Ausgabe vom 25.9.1920, Seite 3

Direktlink

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen